Das Projekt

Das Verhältnis zur DDR-Geschichte steht zur Debatte. Nicht nur, weil wir 2019 und 2020 das 30. Jubiläum der Wiedervereinigung feiern. Die DDR spielt eine wichtige Rolle in den Köpfen der Menschen, die damals im sozialistischen System aufgewachsen sind. Man wird nicht müde, darüber Bücher zu schreiben, Filme zu produzieren und auf Podien zu diskutieren.

„Ihr dürftet davon ja gar nix mehr merken!“

Solche Aussagen hören wir ständig. Wir, das sind die, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR aufgewachsen sind und zur Generation „Nachwende #1“ gehören. Aber sind wir Während- und Nachgeborenen ganz ohne Ost-Einflüsse aufgewachsen?

In den Glasvitrinen unserer Großeltern standen die Kristallgläser aus der Tschechoslowakei. Abgetrocknet wurde mit „den guten alten“ Halbleinen-Geschirrtüchern aus der Lausitz (konnten auf dem Herd im Emaille-Topf ausgekocht werden). Im Kindergarten schliefen wir auf hölzernen Klapp-Betten in kratziger karierter Bettwäsche, spielten mit Holzspielzeug aus den 70ern und die Sportstunden hatten etwas Militärisches (Sport frei!). Und wer in der Oberstufe keine Simson fuhr war nicht richtig cool.

Im wesentlichen wurde das, was wir über die DDR wissen, von den Überbleibseln vergangener Tage und vor allem den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern geprägt. Welches Bild bekommen wir vermittelt? Ist es realistisch? Welche Vorstellung haben wir von diesem Land, das es nicht mehr gibt? Haben wir am Ende vielleicht sogar mehr DDR „eingeatmet“, als viele vermuten?

Uns prägte aber nicht nur das Alte, sondern auch viel Neues. Erwachsene zum Beispiel, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, in den 1990er Jahren arbeitslos wurden und in schlecht bezahlten ABMs (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) eingesetzt wurden, um in der Gemeinde den Rasen zu mähen. Oder auch die riesigen Produktionskomplexe, die wir nur noch als Ruinen kennengelernt haben.

Trotzdem: Wer Glück hatte fuhr im Sommer nach Italien und auf Sprachreise nach London. Wir alle mussten keine blauen Halstücher tragen und auf unseren Schulbüchern stand zwar „Volk und Wissen“, doch der Inhalt war ein anderer, der Verlag eine GmbH, kein VEB. Im Wohnzimmer schallte eine Sony-Stereoanlage und irgendwann wurde sogar das schwarze Bügeleisen weggeworfen und durch ein neues mit Dampf ersetzt. Viele unserer Freund*innen stammen aus „dem Westen“ und in einigen Köpfen sind die Grenzen zwischen Ost und West tatsächlich schon sehr verschwommen.

Also: Best of both Worlds – oder?

Jungpioniere-Podcastcover

Über mich

Ich

Ich bin Lucas Görlach. Ich arbeite als freier Journalist und Podcaster in Dresden. Oft bin ich für den Mitteldeutschen Rundfunk tätig und gestalte dort als Redakteur und Autor Sendungen und Hörstücke für’s Radio. Meine journalistische Arbeit geht vor allem in Richtung Kultur und Medien. Beim Dresdner Podcast-Label EinfachTon bin ich zuständig für Inhalte und Redaktion. Außerdem gebe ich Seminare, Workshops und halte Vorträge zum Thema Podcasts.